Lesetipp · Grundsatzfrage
Entfachlichung durch Kompetenzorientierung
Wie die Kompetenzorientierung aus dem Mathematikunterricht die Mathematik vertreibt — eine Bestandsaufnahme von Hans-Jürgen Bandelt, die nichts beschönigt.
Worum es geht
In diesem Aufsatz (Mitt. Math. Ges. Hamburg 36, 2016) zeichnet Hans-Jürgen Bandelt den Weg nach, auf dem die Mathematik als Schulfach systematisch ihres fachlichen Kerns beraubt wurde. Er beschreibt diesen Prozess als Zusammenwirken dreier Kräfte:
- Didaktisierung
- Die Vermittlung wird selbstbezüglich: Statt Mathematik zu unterrichten, wird ein „didaktischer Stellvertreter" schematisch abgearbeitet. Modellierungsaufgaben ersetzen mathematische Inhalte durch Textverkleidungen.
- Digitalisierung
- Der Taschenrechner übernimmt, was eigentlich gelernt werden sollte. Kalküle — das Herz der Mathematik — werden als überflüssig deklariert, weil eine Maschine sie ausführen kann.
- Trivialisierung
- Abituraufgaben, die mit Realschulniveau der 1970er-Jahre nicht mithalten können. Lernstandserhebungen, bei denen Achtklässler Striche auf einem Thermometer ablesen sollen.
Der größere Zusammenhang
Bandelt geht über eine bloße Fachdidaktik-Kritik hinaus. Er verfolgt die Spur zurück bis zur OECD und ihrer Humankapitaltheorie: Kompetenzorientierung, so seine These, ist kein pädagogisches Konzept, sondern ein ökonomisches Steuerungsinstrument. Das Ziel ist nicht Bildung, sondern die Produktion von Humankapital — flexibel, testbar, austauschbar.
Die Konsequenzen reichen weit über die Mathematik hinaus: Geschichte verliert die Chronologie, Physik wird mathematikfrei „neu gedacht", Religionsunterricht bekommt Kompetenzmatrizen, und selbst die Universitäten werden zur Kompetenzorientierung gezwungen. Bandelt spricht von einer „Fächerdämmerung" (Liessmann), in der die Fachlichkeit aller Fächer liquidiert wird.
Was bleibt als Befund
Der Aufsatz dokumentiert mit bestürzender Präzision, wie eine Realschulprüfung von 1976 (Pyramidenstumpf mit Umkugel) anspruchsvoller war als ein heutiges Abitur. Wie VERA-8-Aufgaben Achtklässlern das Ablesen eines Thermometers als „mathematische Kompetenz" abverlangen. Und wie die Devise „Weg vom Kalkül, hin zum Sinn" in der Praxis zu „Weg vom Kalkül, weg vom Sinn" geworden ist.
Für den Mathechismus ist Bandelts Diagnose ein Referenzpunkt: Wer im Unterricht echtes mathematisches Verständnis aufbauen will, muss die Mechanismen kennen, die genau das systematisch verhindern.
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