Bonus · Polemik
Die zehn Gebote für den Mathematikunterricht
Eine humorvolle Polemik gegen praxisferne Mathematikdidaktik.
Höret, Lehrkräfte des deutschen Sprachraums, die Gebote — auf dass eure Klassen nicht in der Wüste der „offenen Lernumgebungen“ verdursten, ehe sie einen Bruch kürzen können.
- Ich bin der Lernerfolg, dein Maßstab. Du sollst keine anderen Modeworte neben mir haben — weder „Lernlandschaft“, noch „Mathekonferenz“, noch „dialogische Aufgabenkultur“.
- Du sollst dir kein Bildnis machen vom Mythos des „selbstentdeckenden Schülers“. Denn niemand hat je in der Mittagspause den Satz des Pythagoras allein neu erfunden, und niemand wird es tun.
- Du sollst den Namen „Kompetenzorientierung“ nicht missbrauchen, um Inhalte und Verfahren zu meiden. Wer das schriftliche Dividieren als „bloßen Algorithmus“ verwirft, dem ist auch das Telefonieren zu mechanisch.
- Gedenke des Übens, dass du es heiligest. Wer Automatisieren als „seelenlos“ schmäht, hat das Arbeitsgedächtnis seiner Lernenden noch nie zwanzig Minuten lang ehrlich befragt.
- Ehre die direkte Instruktion und das gelöste Beispiel. Denn ohne sie gibt es kein Verstehen, sondern nur das Glück, das man bei den Schnellen „Begabung“ nennt.
- Du sollst nicht töten, was funktioniert, indem du es als „mechanisch“ verschreist. Ein verlässliches Verfahren ist kein Verbrechen am Verstehen, sondern dessen Voraussetzung.
- Du sollst nicht ehebrechen mit der Methodenvielfalt um ihrer selbst willen. Ein Stationenlauf ist kein Lernziel. Ein Gallery Walk auch nicht. Ein Padlet erst recht nicht.
- Du sollst nicht stehlen — weder die Zeit deiner Klasse durch endlose „Erkundungsphasen“, noch die Klarheit der Mathematik durch Wortwolken aus „Grundvorstellung“, „Vernetzung“ und „Bildungsidee“, deren Bedeutung sich auch auf der dritten Fachtagung nicht erschließt.
- Du sollst kein falsches Zeugnis reden wider die Kognitionswissenschaft. Sie ist kein „angloamerikanischer Behaviorismus“, sondern das Beste, was wir wissen, wenn der Hype des Quartals vorüber ist.
- Du sollst nicht begehren deines Nachbarn „reichhaltige offene Aufgabe“, solange deine Klasse nicht weiß, was eine quadratische Gleichung ist. Auch nicht sein Smartboard, sein Erklärvideo, sein Modellierungsprojekt — und auch nicht alles, was ein Tablet hat.
Schlusswort. Diese Gebote sind, wie alle guten Gebote, etwas zu streng formuliert — damit man sich beim sanften Übertreten nicht zu schlecht fühlt. Sie wollen kein Verriss einer Disziplin sein, sondern ein freundlich-spitzer Hinweis, dass am Ende doch ein Kind eine Wurzel ziehen können soll.
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