Bonus · Polemik

Die zehn Gebote für den Mathematikunterricht

Eine humorvolle Polemik gegen praxisferne Mathematikdidaktik.

Stilisierte Darstellung: Figur mit langem Bart und Brille in antik anmutender Gewandung, zwei steinerne Gesetzestafeln mit hebräisch anmutender Schrift haltend, vor bergiger Landschaft und dramatisch beleuchtetem Himmel.
Zehn Gebote — verkündet mit allem Ernst der Tradition und einem Funkeln im Auge.

Höret, Lehrkräfte des deutschen Sprachraums, die Gebote — auf dass eure Klassen nicht in der Wüste der „offenen Lernumgebungen“ verdursten, ehe sie einen Bruch kürzen können.

  1. Ich bin der Lernerfolg, dein Maßstab. Du sollst keine anderen Modeworte neben mir haben — weder „Lernlandschaft“, noch „Mathekonferenz“, noch „dialogische Aufgabenkultur“.
  2. Du sollst dir kein Bildnis machen vom Mythos des „selbstentdeckenden Schülers“. Denn niemand hat je in der Mittagspause den Satz des Pythagoras allein neu erfunden, und niemand wird es tun.
  3. Du sollst den Namen „Kompetenzorientierung“ nicht missbrauchen, um Inhalte und Verfahren zu meiden. Wer das schriftliche Dividieren als „bloßen Algorithmus“ verwirft, dem ist auch das Telefonieren zu mechanisch.
  4. Gedenke des Übens, dass du es heiligest. Wer Automatisieren als „seelenlos“ schmäht, hat das Arbeitsgedächtnis seiner Lernenden noch nie zwanzig Minuten lang ehrlich befragt.
  5. Ehre die direkte Instruktion und das gelöste Beispiel. Denn ohne sie gibt es kein Verstehen, sondern nur das Glück, das man bei den Schnellen „Begabung“ nennt.
  6. Du sollst nicht töten, was funktioniert, indem du es als „mechanisch“ verschreist. Ein verlässliches Verfahren ist kein Verbrechen am Verstehen, sondern dessen Voraussetzung.
  7. Du sollst nicht ehebrechen mit der Methodenvielfalt um ihrer selbst willen. Ein Stationenlauf ist kein Lernziel. Ein Gallery Walk auch nicht. Ein Padlet erst recht nicht.
  8. Du sollst nicht stehlen — weder die Zeit deiner Klasse durch endlose „Erkundungsphasen“, noch die Klarheit der Mathematik durch Wortwolken aus „Grundvorstellung“, „Vernetzung“ und „Bildungsidee“, deren Bedeutung sich auch auf der dritten Fachtagung nicht erschließt.
  9. Du sollst kein falsches Zeugnis reden wider die Kognitionswissenschaft. Sie ist kein „angloamerikanischer Behaviorismus“, sondern das Beste, was wir wissen, wenn der Hype des Quartals vorüber ist.
  10. Du sollst nicht begehren deines Nachbarn „reichhaltige offene Aufgabe“, solange deine Klasse nicht weiß, was eine quadratische Gleichung ist. Auch nicht sein Smartboard, sein Erklärvideo, sein Modellierungsprojekt — und auch nicht alles, was ein Tablet hat.

Schlusswort. Diese Gebote sind, wie alle guten Gebote, etwas zu streng formuliert — damit man sich beim sanften Übertreten nicht zu schlecht fühlt. Sie wollen kein Verriss einer Disziplin sein, sondern ein freundlich-spitzer Hinweis, dass am Ende doch ein Kind eine Wurzel ziehen können soll.

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